Das Gebäude als Spur einer vergangenen Zivilisation ist ein zentrales Motiv in der Videoarbeit Der gelbe Wagen (2024) von Paula Barth (geb. 2001, lebt in Dresden) und Nils Hampe (geb. 1999, lebt in Hamburg). Im Mittelpunkt steht das Kulturhaus in der postsowjetischen estnischen Stadt Narva, die an der Grenze zu Russland liegt. Das in der Sowjetzeit zur Freizeitgestaltung der Bürger errichtete Gebäude hat seine ursprüngliche Funktion verloren: Das Kino ist außer Betrieb, der Palast selbst steht leer.
Doch diese Ruine erhält unerwartet neues Leben: Ein russischer Mann, den die Künstler:innen untereinander Wassili nennen (da sie kein Russisch sprechen), verwandelt den verlassenen Ort in eine Werkstatt. Er sammelt alte Möbel und beginnt – fast wie ein Alchemist – den Prozess der Verwandlung vergessener Dinge. Während des gesamten Films bleibt Wassili der unsichtbare Protagonist – der Zuschauer hört nur seine Stimme, sieht aber nie sein Gesicht. Es ist die Stimme eines Archivars der Vergangenheit, der dem verlassenen Raum und den Dingen wieder Leben einhaucht. Wassili verändert nicht nur die alten Möbel, sondern auch das Gebäude selbst: So fertigt er zum Beispiel ein Ofenrohr aus alten Regenrinnen, die er in der Werkstatt des Kulturhauses findet. Das Gebäude selbst, das zwischen Entropie und Erneuerung oszilliert, wird so zur Metapher für die komplexe Transformation und den Verlust von Halt, die den gesamten postsowjetischen Raum prägen.
Zwischen den Künstlern und Wassili liegt eine unüberwindbare Sprachbarriere: Seine Worte werden auf ein Diktiergerät aufgenommen und erst später ins Deutsche übersetzt, doch selbst in der Übersetzung bleibt das Gefühl von Distanz und unaufhebbarer Fremdheit bestehen. Diese Kluft ist nicht nur eine technische, sondern auch eine symbolische Grenze – ein Hinweis auf die schwierigen Beziehungen zur Vergangenheit, die sich immer entzieht, teilweise unverständlich und fremd bleibt. Es stellt sich die Frage: Wie soll man mit solchen Gebäuden, mit diesen Denkmälern einer vergangenen Epoche umgehen? Wie kann man ihnen eine neue Rolle und Bedeutung geben, ohne sie dem bloßen Vergessen oder der musealen Konservierung zu überlassen? Vielleicht entsteht gerade in dem Versuch, eine fremde Stimme zu hören und zu übersetzen, im Dialog mit den Überresten der Vergangenheit, ein Raum für Alternativen – für neue Entwürfe, in denen Vergangenheit und Gegenwart in einen feinen, aber notwendigen Dialog treten.
Anastasia Patapkina
© Paula Barth 2026